Das Göttinger Accouchierhaus

Ein Gebäude mit „Dreifachfunktion“?

Das Göttinger Accouchierhaus (franz. von accoucher = niederkommen/entbinden), in dem mittellose Frauen seit 1791 unter ärztlicher Aufsicht und unter hygienischen Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen konnten, hatte neben dieser „fürsorglichen“ Funktion auch das Ziel der Forschung und Perfektionierung der Geburtshilfe. Außerdem wurde die Ausbildung von Studenten und Hebammen in Gynäkologie und Geburtshilfe in dieser ersten akademischen Entbindungsklinik groß geschrieben.

Welcher der drei genannten Funktionen stand im Vordergrund und wie prägte die „Dreifachfunktion“ den Charakter des Accouchierhaus’?

Eigentlich kaum zu übersehen (doch bis zur Recherche für diesen Betrag von mir nicht bewusst wahrgenommen) imponiert der barocke schlossähnlich anspruchsvollste Bau der Universität am Geismartor, linker Hand wenn man stadteinwärts radelt. Bis 1785 hatte ein Armenspital („Heilig-Kreuz“) als Entbindungshaus gedient. 1791 richtete man im prächtigen Neubau die universitäre Entbindungsklinik ein. Seit 1989 nutzt das musikwissenschaftliche Seminar das Gebäude.
In der Zeit der Aufklärung entwickelte sich ein Bewusstsein für eine „organisierte Armenfürsorge“. Mittelose Frauen hatten im so genannten Accouchierhaus die Möglichkeit, unter hygienischen und ärztlich betreuten Bedingungen ihre (oft unehelichen) Kinder zur Welt zu bringen. So war das Göttinger Accouchierhaus vorwiegend von armen Frauen frequentiert. Nur selten brachten wohlhabende Damen anonym ihre „Ungewollten“ im Accouchierhaus zur Welt.
Lange Zeit, bis ca. 1751, waren Frauenheilkunde und Geburtshilfe keine universitären Disziplinen, weshalb die Praxis-Ausbildung in den Händen der Hebammen lag. Die Entstehung des Göttinger Accouchierhauses geht auf die Initiative des Anatomen Albrecht von Haller (1708-1777) zurück. Er bat die Hannoversche Landesregierung um Unterstützung im Aufbau der Klinik, um eine Konkurrenzeinrichtung zur Berliner Hebammenausbildung zu schaffen.
Von Haller holt J. Georg Roederer (1754-1835) nach Göttingen. Dieser leitete zunächst das Armenhospital Heilig-Kreuz und strukturierte es zur Lehranstalt um. Ab 1792 wirkte Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Göttingen.
Die Klinik stand anfangs vor einem großen Problem: Patientenmangel. Die Frauen hatten Angst und schämten sich, vor den Studenten ihre Kinder zu gebären. Außerdem hatte die Klinik unter Osianders Leitung den Ruf, dass die Ausbildung der Studenten Priorität habe, nicht die menschliche und ärztliche Betreuung der Schwangeren. Die berechtigte Scheu der Frauen lässt sich in einem Zitat vom Direktor Prof. F. B. Osiander nachempfinden:

"Unehelich Schwangeren einen sicheren Aufenthalt zu geben und sie wegen dem Wochenbett ausser Sorge zu setzen, um dadurch manchen Kindermord zu verhüten ist nur ein Nebenzweck. Es ist daher sehr unrichtig geurteilt, wenn man glaubt, dies Haus sey unehelich Schwangeren wegen da. Mit nichten! Die Schwangeren ... sie seyen hernach Verehelichte oder Unverehelichte, sind der Lehranstalt halber da." 1)

Um dennoch die Betten zu füllen, beschloss die Hannoversche Landesregierung, den unehelich schwangeren Frauen ihre Strafe (z.B. Kirchenbuße) zu erlassen, wenn sie in Göttingen „accouchieren“. Außerdem wurden die Frauen mit Taufgeld, Verpflegung und weiteren Annehmlichkeiten gelockt. Es wurde sogar „Kopfgeld“ ausgesetzt, d.h. jeder, der eine Schwangere in die Klinik brachte, bekam 9 Groschen. Für eine kostenfreie Aufnahme sechs Wochen vor und zwei Wochen nach der Geburt verpflichteten sich die Frauen zur Mithilfe z.B. am Spinnrad, um den hohen Bedarf an Tuch zu decken, und weiteren leichten Arbeiten. Außerdem mussten sie sich als „Übungs- und Anschauungsobjekt“ für die medizinische Ausbildung zur Verfügung stellen.
Da das Accouchierhaus sich als Lehr– Forschungsanstalt der Geburtshilfe verstand, mussten die Frauen „Tests“ mit neu entworfenen Geburtszangen oder Saugglocken ertragen. Interessant ist noch zu wissen, dass erst 1850 die Narkose in die Medizin eingeführt und schon 1789 in Göttingen ein Kaiserschnitt bei einer Frau durchgeführt wurde. Osiander, der seine Studenten nach Größe und Beschaffenheit der Hände auswählte, hatte nicht vorrangig das Ziel, den Frauen zu helfen, sondern die Geburtshilfe zu perfektionieren. Verstorbene Frauen wurden zwar beerdigt, die toten Kinder jedoch nicht selten zu Sammlungszwecken präpariert. Die Sammlung, die heute in der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin aufbewahrt wird, bietet Einblicke in Morbiditäts- und Mortalitätsverhältnisse der Geburtshilfe im 18./19. Jahrhundert (weibliche Phantom-Becken, Kinderschädel und konservierte Missbildungen bildeten das „Osiander-sche Kabinet“).
Die Entstehung der akademischen Entbindungsklinik markiert den allmählichen Übergang der Geburtshilfe, die bisher vorwiegend von Hebammen geleistet wurde, in männliche akademische Hände.

von Kathinka Rinke

Quellenangaben:

Deinhard S. ? (1986)
1) Osiander, F.B., Denkwürdigkeiten a.a.O.S. XCII aus der Deinhard Dissertation
Walther Kuhn& Ulrich Tröhler: „Armamentarium obstetricium Gottingense. Eine historische Sammlung zur Geburtsmedizin“ Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, (1987)
http://literaturatlas.de/~la25/accouchierhaus (11.05.07)
http://de.wikipedia.org/wiki/Accouchierhaus (11.05.07)

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