Zwangsarbeit während der NS-Zeit in der Medizin am Bespiel Göttingen

Die Tatsache, dass während der Zeit des Nationalsozialismus Menschen aus den von Deutschland besetzten oder abhängigen Gebieten Europas als Teil des nationalsozialistischen Programms zur „totalen Mobilisierung von Arbeit“ verschleppt und ausgebeutet worden sind, ist hinlänglich bekannt. Aber nicht nur in Konzentrationslagern wie Buchenwald oder Auschwitz oder in der Industrie wie bei der IG Farben, sondern auch, wie vielen Menschen gar nicht bekannt, im Gesundheitswesen wurden Menschen, teilweise unter katastrophalen Umständen, zur Arbeit gezwungen. So leider auch in Göttingen.

Zwangsarbeit im historischen Kontext

Im Sommer 1944 waren in Deutschland ca. 1,9 Millionen Kriegsgefangene und 5,7 Millionen Zivilisten aus dem Ausland offiziell als beschäftigt gemeldet. Mit den aus KZ-Lagern eingesetzten Arbeitern geht man von einer Zahl von 12 Millionen Menschen aus, die in irgendeiner Weise zur Arbeit im Deutschen Reich verpflichtet worden waren. Diese Menschen stammten zum großen Teil aus der besetzen Sowjetunion sowie Teilen Polens. Mehr als 50% dieser Menschen waren Frauen, viele damals unter 20 Jahre alt. Allein im März 1942 wurden 2,5 Millionen Personen aus der UDSSR ins Deutsche Reich gebracht und versklavt. Die Tätigkeiten reichten von leichten Hilfstätigkeiten über schweren Missbrauch der Verschleppten bis zur gezielten „Vernichtung durch Arbeit“. Der Großteil wurde in „kriegswichtigen“ Bereichen wie Landwirtschaft, Industrie und Bergbau eingesetzt, seit November 1942 aber auch vermehrt in den zunehmend kriegsrelevant werdenden Krankenhäusern.

Die Situation in Göttingen Recherchen von Wissenschaftlern der Universität Göttingen unter anderem beim Suchdienst des internationalen Roten Kreuzes und im Göttinger Stadtarchiv ergaben, dass 125 ausländische Arbeitskräfte im Zeitraum von 1940 bis 1945 in unterschiedlichen Klinikeinrichtungen in Göttingen beschäftigt waren. Die meisten von ihnen wurden 1942/1943 eingestellt und blieben bis Kriegsende. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kamen aus 14 Nationen, vorwiegend aus Osteuropa. Nach 1943 wurden aber auch westeuropäische Männer zwangsweise rekrutiert. Eingesetzt wurden die Arbeitskräfte vorwiegend in den Kliniken als „Haus- und Stationsmädchen“ oder als Pflegekräfte (ca. 60%), knapp ein Drittel davon in der Chirurgie. Zusätzlich wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aber auch in Versorgungsbetrieben wie Küche und Wäscherei eingesetzt. 75% der Arbeiter waren Frauen, die meisten stammten aus Russland und der Ukraine. Über 60% von ihnen waren jünger als 22 Jahre. Mithilfe der Kuratorialakten des Universitätsarchivs Göttingen konnten für einige Personen Einsatzorte und Arbeitsgebiete ermittelt, teilweise auch ihre Identität geklärt werden, so etwa für eine Ukrainerin, die als Reinigungskraft am Pathologischen Institut eingesetzt wurde (s. Abb 1), sowie für je eine Russin in der Zentralküche und dem Materiallager der Kliniken. Aus Akten des Oberpräsidenten der Provinz Hannover1 zum Gesundheitswesen und aus Unterlagen des Universitätskurators lässt sich ebenfalls der Einsatz französischer und niederländischer Medizinstudenten in den Kliniken belegen. Diese wurden überwiegend in der Pflege, aber auch im Labor eingesetzt.

Einsatz für Forschung und Lehre

Wie Unterlagen des Oberpräsidenten der Provinz Hannover belegen, benutzte die Universitätsfrauenklinik schwangere Zwangsarbeiterinnen für Lehrzwecke. Im April 1944 hatte Heinrich Martius, Göttinger Ordinarius für Gynäkologie und Geburtsmedizin, beim Amt für Volkswohlfahrt um die Zuweisung von Schwangeren als Lehrmaterial ersucht. Martius wollte Frauen aus dem Heim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) in Göttingen rekrutieren. Der Kreisleiter des NSV-Heimes protestierte jedoch gegen dieses Ansinnen mit der Begründung, diese Frauen seien zu „wertvoll“ Als Alternative schlug er vor „. . . als Versuchsobjekt fremdvölkische Frauen heranzuziehen“, die „in genügender Zahl zur Verfügung stehen“. Man wies die Schwangeren in ein „Gemeinschaftslager“ der Göttinger Gewerbe- und Industriebetriebe ein und brachte sie zu Lehrzwecken in die Universitätsklinik. Wie sehr die Sterblichkeit der in diesen Einrichtungen geborenen Kinder erhöht war, ist wenig erforscht. Klar ist jedoch, dass gezielt herbeigeführte Mängelzustände für die Frauen und die Säuglinge bestanden, von denen viele zwischen dem erste und dritten Lebensmonat starben.

Unterbringung und medizinische Versorgung

Untergebracht waren die Zwangsarbeiter in externen Lagern. Ein Großteil war aber auch direkt in den Kliniken (z.B. in der ehemaligen Waschküche der Frauenklinik) oder privat untergebracht. Bei der ärztliche Versorgung spielten die Universitätskliniken eine wichtige und teilweise durchaus positive Rolle. Anhand der Auswertung von Krankenakten konnte nachgewiesen werden, dass ca. 600 medizinische Behandlungen an Zwangsarbeitern allein in der Chirurgie und Frauenklinik durchgeführt worden sind. Aufgrund massiver Proteste gegen die Zusammenlegung fremdstämmiger Kranker, vornehmlich aus dem Osten, mit deutschen Kranken wurde im Februar 1943 auf dem Universitätssportfeld eine Krankenbaracke aufgestellt. Sie fasste 60-70 Betten. Die offizielle Adresse dieser Baracke war Ludendorffring – heutiger Kreuzbergring 20 b (s. Abb. 2, heute Zentrales Hörsaalgebäude). Für die Betreuung der Krankenbaracke wurde der seit Dezember 1941 in der Chirurgischen Klinik tätige, aus der Ukraine stammende Arzt Igor N. abgestellt (s. Abb. 3). Befragungen eines tschechischen Zwangsarbeiter zeigten, dass dort neben der ambulanten Versorgung auch Operationen durchgeführt wurden.
Unterstützt wurde N. von zwei Ärztinnen, die beide in der Baracke lebten. Als deutsches Personal ist nur die deutschen Lagerleiterin Maria B. und die Hebamme Hanna Adelung bekannt. Die Hebamme lebte direkt in der Baracke, da diese seit September 1943 auch als zentrale Entbindungseinrichtung für Polinnen und "Ostarbeiterinnen" diente.
Insgesamt muss die medizinische Versorgung für die Zwangsarbeiter aber als generell schlecht eingestuft werden.

von Michael Kern

Quellenverzeichnis:

1. Oberpräsidenten der Provinz Hannover
1933-1941: Viktor Lutze, NSDAP
1941-1945: Hartmann Lauterbacher, NSDAP
1945-1946: Hinrich Wilhelm Kopf, SPD

Hebammenbücher Hanna Adelung, Stadtarchiv Göttingen.
Cornelius J. K., Verlorene Jahre, Erinnerungen aus den Jahren 1943-1945, o.J. [2001]
Frewer, Andreas; Gottschalk, Karin; Mälzig, Ulrike; Schmidt, Ulf; Zimmermann, Volker Geschichte und Ethik der Medizin. Zwangsarbeit und Medizin im „Dritten Reich“
Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe 44 vom 02.11.2001, Seite A-2866 / B-2453 / C-2278
http://zwangsarbeit-in-goettingen.de/texte/krankenversorgung.htm
http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/10381/
http://www.aerztezeitung.de/docs/2005/07/26/137a0301.asp?cat=/magazin/ethik_in_der_medizin

Bildquellen:

Abb. 1: Universitätsarchiv Göttingen
Abb. 2+3: Propagandafotos der DAF, Städtisches Museum Göttingen, Fotoarchiv

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